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Landsberg am Lech – oder “Es muss ja auch mal Schluss sein”
Categories: Politics | Written by ninan

Heute fuhr ich nach Landsberg am Lech, einer Kleinstadt in Oberbayern mit einem hübschen mittelalterlichen Stadtkern. Als ich gegen 9h in die noch schlafende Stadt kam rechnete ich noch damit, dass es ein ruhiger Ausflug in die bayerische Provinz wird, im Laufe des Vormittags wurde mir dann aber schnell bewusst, dass hier etwas nicht stimmte.

Nachdem ich ein wenig  durch die Gassen von Landsberg geschlichen war und mir ein Frühstück in der langsam erwachenden Stadt genehmigt hatte, schaute ich mir das Stadtmuseum an. Ich mag diese Art von Museen, geben sie doch einen guten Einblick in die Geschichte der Stadt und enthalten oft auch amüsante Kuriositäten. In dieser Hinsicht wurde ich auch nicht enttäuscht, allerdings klafft in der Ausstellung eine deutliche Lücke hinsichtlich der Zeit des Dritten Reiches. Im Ganzen Museum mit seinen knapp 15 Ausstellungsräumen nimmt das Geschehen der Jahre 33 bis 45 gerade einmal eine Ecke ein. Zum Vergleich: Für Jesuiten und religiöse Volkskunst steht ein ganzes Stockwerk von Dreien zur Verfügung.

Die erwähnte Ecke besteht aus dem  Gemälde “Das Lager” aus den 60ern, einer Tafel die über den Verbleib der emigrierten jüdischen Familien informiert und einiger Modelle von Lagergebäuden. Eine befreundete Historikerin hatte mir im Vorfeld erzählt, dass es in Landsberg ein Außenlager des KZ Dachau gegeben hat. Also erkundigte ich mich bei der Museumsbetreuerin, einer netten älteren Dame die vermutlich nicht aus Landsberg stammt, ob sie denn wüsste wie ich zu der Gedenkstätte käme. Sie wälzte mit mir einige Bücher und Broschüren, aber wir konnten keine Informationen zur Gedenkstätte zum finden. Sie schickte mich dann zur Touristeninformation.

Wieder aus dem Museum heraus, durchwanderte ich die Stadt auf der Suche nach irgendwelchen Informationen zur Gedenkstätte, Fehlanzeige. In der Touristeninformation gab es dann Flyer zu allen möglichen Themen, zur dunklen Geschichte Landsbergs aber  nichts. Also zückte ich mein Smartphone und suchte ein wenig im Internet. Sofort stieß ich auf die Seite der “Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert”, welche sich für die Betreuung der Gedenkstätte verantwortlich zeichnet. Leider gibt es dort nur wenige Informationen für Auswärtige, wie man zur Gedenkstelle gelangt, aber zum Glück gibt es einen Eintrag bei Google, der die Position der Gedenkstätte verriet.

Nachdem ich Mittag gegessen hatte wanderte ich also los, auf der Suche nach einem Stück dunkler deutscher Geschichte. Auch als ich der im Internet gefundenen Stelle immer näher kam zeigte sich nirgends ein Hinweis zur Existenz der Gedenkstätte. Erst direkt davor steht ein Schild, welches aber eben von jener Bürgervereinigung aufgestellt wurde.

Der Eingang zur Gedenkstätte besteht aus mehreren aufgestellten Steinen und kann als “Weg des Leidens und der Hoffnung” aufgefasst werden. Ich bin diesem Weg gefolgt und stand plötzlich vor einem verschlossenen Tor, ich konnte aber die erhaltenen Gebäude gut sehen. Am Zaun hing ein Schild, was mich aufrief jederzeit bei der Bürgervereinigung anzurufen und um Führung durch die Anlage zu bitten. Außerdem wurde darum gebeten nicht zu fotografieren, weswegen es hier auch keine Bilder der Gedenkstätte gibt. Ich habe natürlich niemanden angerufen, so scharf war ich auch nicht auf das Gelände zu kommen.

Ich sah mich etwas um und entdeckte eine niedergetrampelte Schneise, die an der Gedenkstätte vorbei führt. Ich folgte dem Pfad ein paar Meter und stand plötzlich neben einem weiteren Lagergebäude, welches aber kein Dach mehr hat. Mitten im Wald hing eine Tafel von der BV, welcher mich darüber informierte, dass die Gedenkstätte nur einen kleinen Teil des ehemaligen Lagers Kaufering VII ausmacht und das sich das restliche Gelände im Besitz der Stadt Landsberg befindet und bereits 1965 eingeebnet und teilweise mit Schutt verfüllt wurde. Ich konnte nicht glauben was ich da las und folgte dem Pfad immer weiter. Auf einmal stand ich auf einer verwilderten Fläche, eine weitere Tafel wies mich darauf hin, dass ich nun auf dem größten Teil des KZ stünde. In dem Moment wurde mir wirklich bewusst, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt was man in der Gedenkstätte sieht, sondern was man ausserhalb der Gedenkstätte nicht sieht. Ich kroch noch etwas durch den Wald und suchte nach Spuren des Lagers und wurde auch fündig. Es ist erstaunlich, wie viel von den alten Fundamenten noch erhalten und von Moos und Gräsern zugewachsen ist.

Auf dem Gelände der Gedenkstätte grasen ein paar Schafe. Dieser Anblick hatte auf mich eine beruhigende Wirkung, war ich doch ziemlich aufgekratzt ob des eben Erfahrenen. Ich finde es wirklich beschämend wie im Jahr 2010 (und in den Jahren seit ’45) in Landsberg mit der Geschichte und Erinnerung umgegangen wird. 20 Jahre nach der Lagerbefreiung wurde ein Großteil des Lagers als Schuttabladeplatz verwendet. Eines der Gebäude auf der heutigen Gedenkstätte diente sogar einst einer Motorradgruppe als Unterkunft, unter Duldung durch die Stadt. Derselben Stadt die auf ihrer Website schreibt “Die Stadt bemüht sich, mit diesem dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte verantwortlich umzugehen.“, wohlgemerkt in der 5 Menüebene unterhalb von “Stadtbibliothek”, schon klar.

Ich danke der “Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert” sehr, dass sie dieses Projekt trägt und möglich gemacht macht hat und rufe jede BesucherIn (und EinwohnerIn) der Stadt Landsberg  auf, der Stadt zu zeigen dass an diesem Projekt Interesse besteht.

Zum Weiterlesen:

Weitere Fotos:

http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Holocaustgedenkst%C3%A4tte_in_Landsberg

1 Comment to “Landsberg am Lech – oder “Es muss ja auch mal Schluss sein””

  1. Wörishofer Markus says:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    mit wohlwollen habe ich Ihre Seite gelesen und festgestellt das ich nicht alleine bin. Im Stadtmuseum gibt es nicht mal mehr eine kleine Ecke der Erinnerung?!
    Ich versuche seit geraumer Zeit mich mit dem Stadtmuseum in Verbindung zu setzten aber es gelingt mir nicht (siehe unten). Selbst der versuch direkt mit der
    Stadt in Kontakt zu treten blieb bis jetzt unbeantwortet, einzig von der Bürgervereinigung kam prompt Antwort, auch dieser Verein hat diverse Probleme mit der Stadt.
    Ich finde es sehr toll wie Sie mit Ihrer Seite an die Öffentlichkeit gehen. Ich habe früher im Rahmen der Reservistenarbeit im Bereich Militärischer Anlagen im Raum
    Landsberg recherchiert und auch da sind fast alle Spuren verschüttet worden. Mit freundlichen Grüßen ein Leidensgenosse Markus Wörishofer

    Mein E-Mail an das Stadtmuseum Landsberg:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    seit einigen Jahren beschäftige ich mich ein bisschen mit der Geschichte Mitte 20´zigstes Jahrhundert. Bei einem Museumsbesuch in Landsberg, in jüngerer Vergangenheit, viel mir doch auf das dieser Teil der Geschichte in Ihrem Museum fast keine Erwähnung findet. Landsberg am Lech spielte in dieser Zeitepoche doch eine große Rolle, um nur mal das Projekt Ringeltaube, die Festungshaft, die Aussenlager…um nur einen kleinen Teil zu erwähnen. Dieser traurige Teil der Geschichte sollte müsste doch, zwischen Ihren vielen Holz.- und Bild Kunstwerken den Kirchenen Exponaten…, einen Platz finden. Gerade Heutzutage ist es doch wichtig die Menschen für diese Zeit zu interessieren. Sehen Sie meine Mail als kleine Anregung,
    Geschichte kann so viel bewegen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. http://de.wikipedia.org/wiki/Landsberg_am_Lech_zur_Zeit_des_Nationalsozialismus
    Mit freundlichen Grüßen Markus Wörishofer

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