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Piraten und die Junge Freiheit – Guilt by Association
Categories: Politics | Written by nerdicist

Da war sie wieder, die wohlkalkulierte Aufregung und wohlfeile moralische Entrüstung, die jeder Teilnehmer oder Beobachter des politischen Diskurses in Deutschland so gut kennt. Gleich mehrere sogenannte A-Blogger entzogen der kleinen Partei die Zustimmung, da sie sich angeblich nicht deutlich genug nach rechts abgrenzen würde. (Einige Äußerungen aus diesem Kreis spiegeln gleichzeitig die eigene Selbstüberschätzung, btw: “Piratensympathisanten sollten lieber froh sein, dass ich es hier bei einem Nebensatz belasse.” Auweia, Mami, ich hab Angst! ) Auch mehrere Vertreter der MSM äußerten sich empört (Link und Link).

Was war passiert? Hatten die Piraten etwas ein Bündnis mit der NPD geschlossen oder Sympathien für deren dämliche Weltanschauung geäußert?

Nicht ganz, aber fast – zumindest nach Meinung oben erwähnter Geistesgrößen. Jens Seipenbusch und Andreas Popp haben es doch tatsächlich gewagt, Interviews mit der rechtskonservativen Jungen Freiheit zu führen (Link dazu hier und hier), was natürlich sofort Rückschlüsse auf deren eigene politische Haltung sowie die der Partei zulässt. Nee, is klar… Und nur der Vollständigkeit halber: Natürlich hat keiner der beiden Parteivertreter in irgendeiner Form Zustimmung für rechte Überzeugungen geäußert. Trotzdem werden Piraten nun unter Generalverdacht gestellt, eine klare Positionierung gefordert etc. Man kennt das. Andreas Popp entschuldigte sich auch prompt. Scare tactics work!

Die (un)logische Technik, die hierbei angewandt wird, ist unter dem Namen guilt by association bekannt. Weil man eine Äußerung oder eine bestimmte Verhaltensweise auch mit einer anderen Gruppierung/Person in Verbindung bringen kann, wird der eigentlich Handelnde mit deren Weltanschauung in Verbindung gebracht. Das klassische Beispiel aus der amerikanischen Geschichte ist das Vorgehen von Senator Joseph McCarthy gegen echte und angebliche Kommunisten: Es reicht aus Kontakt mit einem Kommunisten gehabt zu haben, um selber als solcher identifiziert zu sein. Man könnte auch von “infiziert” sprechen. Tatsachen oder gar argumentative Nuancen spielen für dieses Stilmittel politischer Diskreditierung keine Rolle mehr. Auch dem Telepolis-Autor Peter Mühlbauer fiel der McCarthy-Vergleich in seinem großartigen Artikel zum heiligen Zorn der angeblichen Meinungsfüher ein:

Der neue McCarthyismus geht dabei ähnlich vor wie der alte in den 1950er Jahren: Über teilweise beeindruckend lange Beziehungsketten steht jeder Angegriffene irgendwann einmal mit dem in Verbindung, was grade als das absolute Böse gilt: Im Amerika der 1950er Jahre war das der Kommunismus. Und damals war es der Begriff “pinko”, mit dem unter anderem Bürgerrechtlern eine Nähe zu Moskau unterstellt wurde (Link).

So ehrenwert und moralisch fraglos richtig es ist, rechte Gesinnung zu ächten und bloßzustellen, so lächerlich ist die eingeübte antifaschistische Pose, in die man sich in diesem Land nur allzu gerne wirft und dabei so tut, als handele es sich dabei um einen wahnsinnig mutigen Akt statt bloßer Wichtigtuerei und bei sich selbst quasi um eine moderne Variante der Geschwister Scholl. Solch eine Effekthascherei und Selbststilisierung ist gegenüber denen, die tatsächlich ihr Leben gegenüber einer  unmenschlichen Diktatur aufs Spiel gesetzt haben, anmaßend, peinlich und intellektuell unehrlich. Um es mit den Worten von Anselm Kiefer zu sagen:

Man kann nicht in einer Zeit, wo es nicht viel kostet, anti zu sein, für sich ein Wort in Anspruch nehmen, was nur Sinn macht in einer Zeit, wo es das Leben gekostet hat, antifaschistisch zu sein.

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