Klage eines internetaffinen Zeitungslesers
Man kann nicht behaupten, wir von nerdicism.com seien der traditionellen Presse gegenüber feindlich gesinnt. An unserem Briefkasten prangen zwei kleine Aufkleber, die uns als treue Abonnenten der SZ und der Zeit ausweisen. Bis vor kurzem war da sogar noch ein dritter für die FAZ. Hinzu kommen Abos für diverse Magazine sowie regelmäßige Internetrezeption von NY Times, Washington Post und weiteren, grundsätzlich wundervollen Presseerzeugnissen. Ich liebe es, morgens meine Zeitung aufzuschlagen und mir in Ruhe Nachrichten, Meinungen und Reportagen zu Gemüte zu führen. Dafür bezahle ich auch sehr gern, obwohl ich als Studentin durchaus rechnen muß. Als großer Fan von H.L. Mencken, einem amerikanischen Zeitungsmacher mit Leib und Seele mit grandiosem Hang zur Satire, habe ich sogar ein regelrecht nostalgisches Bild vom Printjournalismus. (Für alle, die Mencken nicht kennen -Schande über euch-: Denkt an Clark Kent und den Daily Planet. Wer Clark Kent nicht kennt: Euch ist echt nicht mehr zu helfen :-)).
Ich lese eine Zeitung nicht, um meine eigene Meinung bestätigt zu bekommen, jedoch erwarte ich vom Journalisten geistige Unabhängigkeit, die nämlich interessante Gedanken erst hervorbringen kann. In diesem Zusammenhang fallen mir regelmäßig Artikel zum Thema “Vernichtung der Printpresse durch das Internet” negativ auf. In geradezu bedrohlicher Weise schlagen hier alle Medien, egal ob liberal, konservativ oder gänzlich prinzipienlos, in die gleiche Kerbe. Offensichtlich aus Angst vor eigenem Job- und Bedeutungsverlust werden drakonische Maßnahmen gefordert, um die kostenlose Versorgung mit Inhalten aus dem Internet zu beschränken. Dies geht medienwirksam mit lautstarkem Gejammer über die angebliche Kostenlosmentalität der Nutzer einher.
Nun ist dieses Verhalten menschlich verständlich und ich erwarte beileibe von keinem Journalisten totale Selbstlosigkeit, aber zu behaupten, es ginge bei dem Gezeter ausschließlich um die Wahrung der Pressefreiheit und die Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards, ist unehrlich und unwürdig. Hier wird vielmehr das angeblich so seriöse, unabhängige Medium Zeitung gnadenlos als Propagandaplattform genutzt, der nichtsahnende, vertrauensvolle Leser wird sehenden Auges verschaukelt.
Besonders dünn finde ich das Argument, Inhalte im Internet seien prinzipiell schlechter oder weniger vertrauenswürdig als solche die auf Papier gedruckt sind. Papier und Internet sind im Prinzip nur Gefäße, die jeweils mit gutem oder schlechtem Inhalt gefüllt werden können, so dass kein Medium eine grundsätzlich höhere Qualität für sich beanspruchen kann. Zudem werden zahlreiche Internetinhalte durchaus von Profis bereitgestellt. Das in den USA beliebte konservative Blog Daily Dish wird z.B. unter dem Flügel des auch im Print erscheinenden Journals Atlantic vom Konservativen und professionellen Journalisten Andrew Sullivan geführt. Es ist eines von zahlreichen Beispielen für die mittlerweile hohe Professionalität von Internetmedien. Hierbei ist auch interessant, dass es durchaus eine Menge Journalisten gibt, die bereit sind, im Internet zu publizieren, obwohl das doch angeblich keine anständige Einnahmequelle ist, vom dadurch ausgelösten Untergang des Abendlandes im Allgemeinen und Verfall der (Zahlung-) Moral im Speziellen ganz zu schweigen.
Natürlich gibt es auch schlechte Inhalte. Hier ist, genau wie bei traditionellen Presseerzeugnissen, die Medienkompetenz des Lesers gefragt. Der Leser ist ja nicht plötzlich dümmer und unkritischer, bloß weil er einen Artikel am Bildschirm statt auf Papier liest. Natürlich könnte man argumentieren, dass die Zeitung eine redaktionelle Überwachung bietet, die Qualität garantiert. Jeder, der schonmal einen miesen Artikel gelesen hat, weiß, wie gut das funktioniert. Das Denken, das hinter solch einem Argument steckt, ist aus meiner Sicht außerdem zutiefst zynisch: Wir dummen Leser brauchen demnach eine Kontrollinstanz, einen guten Onkel, der für uns entscheidet, was ein vernünftiger, für unsere schlichten Gemüter geeigneter Inhalt ist und was nicht.
Wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Zeitungsleser (mit Ausnahme derer einer Publikation mit vier Buchstaben, die vermutlich eh nicht durch das Internet bedroht ist), um dessen Gunst hier gerungen wird, eher gebildet und doch recht intelligent ist, wird gerade er diesen Filter am wenigsten brauchen.
Immer wieder können wir in letzter Zeit lustige Anekdoten über Journalisten lesen, die des unreflektierten Zitierens aus dem Internet überführt wurden. Was sagt das über deren überlegene Recherchequalitäten? Und wieso soll ich jemanden dafür bezahlen, dass er sich mit ein paar Klicks einen Artikel zusammensucht und diesen mit einer nett vorformulierten Agenturmeldung vermischt? Eben.
Wenn der traditionelle Journalismus überleben will, muß er sich, statt mit dem Finger auf uns Kunden und Internetnutzer zu zeigen, kritisch mit sich selbst beschäftigen und sich darauf konzentrieren, seine Stärken zu verkaufen, beispielsweise eine ausführliche Reportage über interessante Menschen und Orte oder seriöse Berichterstattung aus schwer zugänglichen Ländern. Wenn ich den ARD-Korrespondenten aus dem Iran in der Tagesschau sehe, weiß ich, wofür ich GEZ-Gebühren zahle. Genauso möchte ich meine Zeitungen und Magazine mit ihren oft klugen Analysen und sorgfältig recherchierten Hintergründen keinesfalls missen. Als Introabonnent bin ich sogar bereit für ein Magazin zu zahlen, dass es auch kostenlos in Musikläden gibt. Warum? Weil Intro ein sehr gut gemachtes Musikmagazin und damit eine echte Bereicherung für mich ist, welches ich bitte jeden Monat pünktlich und zuverlässig in meinem Briefkasten vorfinden will, jawohl! Allerdings reagiere ich allergisch auf billigste Versuche der Einflußnahme im eigenen Interesse und den Versuch, sich selber aufzuwerten, indem andere Medien abgewertet werden.
Mich stört die Dreistigkeit mit der Eigennutz als Gemeinnutz verkauft wird. Mich stört, dass Teile der geistigen Elite dieses Landes glauben, dass ich als Leser so dumm bin, diesen Schwindel nicht zu bemerken. Mich stört, wenn mit tendenziöser Berichterstattung Besitzstandswahrung betrieben wird. Dafür habe ich nicht bezahlt. Wenn ich Geld dafür ausgeben will mit leicht durchschaubarer Propaganda zugemüllt zu werden, dann abonniere ich ein Gewerkschaftsmagazin.
Die recht verzweifelte Kampagne gegen das Netz wird keinen Erfolg haben, denn schon bevor das Internet zum Massenmedium wurde, haben Zeitungen über dramatischen Leserschwund geklagt. Wie sich die Netznutzer verhalten, wenn tatsächliche eine Internetgebühr oder eine andere Form von Zugangserschwernis zur Wahrung der kommerziellen Interessen Einzelner politisch beschlossen wird, werden wir sehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die böse Netzelite sich das kampflos gefallen lassen wird.
Zur weiteren Beschäftigung mit diesem Thema empfehle ich diesen Artikel von perlentaucher.de.
(Full disclosure: Ja, das war polemisch.)
Similar to newspapers in the US, German newspapers are struggling to protect their traditional status and access to important people and institutions against internet publications that often offer their content for free. The discussion of this issue in traditional media is in my opinion characterized by the journalists’ fear of loss in terms of status and job while pretending to offer a fair and balanced coverage. As a subscriber to a variety of newspapers and magazines I’m no longer willing to let them get away with such cheap anti-internet propaganda thinly disguised as high quality journalism.